KÖNIG DROSSELBART Drucken

Kritiken

Der Widerspenstigen königliche Zähmung

Hinnerk Walbohm inszenierte an der niederdeutschen Bühne den Märchenklassiker „König Drosselbart“

Kiel. In langen Unterhosen tapsen nur zwei zwielichtige Gestalten im Funzellicht ihrer Taschenlampen über die kleine Bühne am Wilhelmplatz und wühlen sich – von Putzeimern umgeben – durch Kostümberge und Requisitenkisten. Huch, sind die vielen Kinder und ihre Eltern an diesem Samstag etwa zur falschen Zeit im Theater der Niederdeutschen Bühne erschienen? Sollte hier nicht heute das diesjährige Weihnachtsmärchen König Drosselbart aufgeführt werden – wie immer natürlich in hochdeutscher Sprache? Stattdessen haben sich zwei Einbrecher ins Theater geschlichen und stiften nun gehörig Unruhe!
Als dann auch noch das Reinigungspersonal in bunten Kitteln die Szenerie betritt, ist die Aufregung groß. Kurzerhand wird sich heimlich in die bunten Kleider gezwängt und im Handumdrehen verwandelt sich in Hinnerk Walbohms lebendiger Inszenierung des Grimm’schen Märchenklassikers die chaotische Bühne in einen prächtigen Thronsaal, in dem die herrlich kratzbürstige Prinzessin Isolde (Nathalie Baron) einen Verehrer nach dem anderen mit ihrem Spott in die Flucht schlägt. Als sie dann auch noch den von weit her angereisten König Michael als König Drosselbart verhöhnt, reißt ihrem Vater endgültig der Geduldsfaden. Kurz entschlossen vermählt er die verwöhnte Tochter mit dem nächstbesten Bettler. Aus dem Schloss gejagt muss das hochnäsige Ding von nun an arbeiten. A-r-b-e-i-t-e-n? Die Prinzessin kann ihr Unglück kaum fassen! Statt rotzfrech im Palast umherzustolzieren, muss sie jetzt Feuer machen, die karge Hütte putzen und sich zu allem Überfluss auch noch von ihrem Gemahl herumscheuchen lassen. Für Mitleid ist jedoch keine Zeit, schließlich gibt es für die jungen Zuschauer auch eine Menge zu tun: Ob Vogelgezwitscher, Löwengebrüll oder donnernde Paukenschläge, langweilig wird es hier sicher nicht.
Mit viel Witz und feinen Einfällen lässt Walbohm seine Bettelprinzessin schließlich ihre Lektion lernen, ohne dabei allzu streng den moralischen Zeigefinger zu heben. Stattdessen wird der vertraute Klassiker behutsam entstaubt und dank der liebevoll ausstaffierten Figuren und einer Menge Überraschungen zu einem beschwingten Vergnügen. Bis plötzlich die resolute Theaterleiterin hereinstürmt und mit Entsetzen feststellen muss, was da auf ihrer Bühne getrieben wird. Ausnahmsweise lässt sie sich erweichen und das schmissige Spiel nimmt seinen Lauf. Die prächtige Märchenhochzeit im Schloss des Königs muss dann aber doch ausfallen – zu teuer! Aber ist es nicht immer zu Ende, wenn es am schönsten ist?

Lisa Wetendorf | Kieler Nachrichten | 29. November 2010 |